Tuchmacher, Handwerk, Textilhandwerk

1730 [Weigel]

“Der Tuchmacher.
Wer kennt heutzutage wohl noch den Tuchmacher? Und früher gab es deren so viele, besonders in den Städten! Die Tuchmacher bildeten eine Zunft, Innung oder Quartal. Die Zünfte waren Vereinigungen zu geselligen, kirchlichen und gewerblichen Zwecken und ihr Ansehen war oft groß. Für die einzelnen Zuftgenossen gab es gewisse Betriebsvorschriften, wodurch Güte und Preiswürdigkeit des Tuches festgesetzt wurde und wodurch man Preistreiberei, Konkurrenz und Entwicklung zum Großbetriebe verhüten wollte.
Der Oberälteste leitete die Zunft. Nebenältester, Ältester und Sprecher gehörter ebenfalls mit zum Vorstande. Jede Zunft hatte ihre acht Leichenträger gewählt. Sie bildeten die Leichenbruderschaft, und ihre Mitglieder trugen bei feierlichen Gelegenheiten schwarzes Zeug, Zylinderhut und langen Mantel. Sie wurden mit einem Reichstaler aus der Zunftkasse besoldet. Die beiden jüngsten Meister verrichteten der Zunft die Jüngstendienste, wie Bestellung der Leichenträger, Herstellung der Gruft und alles was die Zunft anging.
Selbständiger Tuchmachermeister konnte nur derjenige werden, welcher seine vorgeschriebene Zeit gelernt, als Geselle gearbeitet, die Wanderzeit duchgemacht und endlich die Befähigung zum Tuchmacherhandwerk nachgewiesen hatte. Man verlangte ferner von ihm guten Ruf, eheliche Geburt und eine gewisse Bildung.
Bei bestandender Meisterprüfung wurde eine Urkunde ausgestellt und vom Bürgermeister und Zunftvorstande unterzeichnet. Jeder Meister mußte Bürger werden und stets das Ansehen der Stadt und seines Standes zu fördern suchen.
Dem jungen Meister zu Ehren fand ein Festmahl statt, zu welchem der Gefeierte einen Reichstaler beisteuern mußte. Man trank an diesem Tage aus dem Gewerbekelche, der vom Jüngsten bis zum Ältesten wanderte. Der Name des Jungmeisters wurde nun ins Meisterbuch eingetragen, ferner wurde ihm ein Meisterbrief gegen Hinterlegung von drei Talern ausgehändigt.
Allmählich wurde dann das Handwerk durch Einführung der modernen Hilfsmittel des Fabrikbetriebes immer mehr eingeengt. Neben den Werkstätten entwickelten sich die Tuchfabriken, und zwar wohl besonders aus dem Grunde, weil Werkstätten nicht in der Lage waren, genügend Tuch für militärische Zwecke zu liefern.
Um mit dem Niedergange des Tuchmacher-Gewerbes nicht auch die Leichenbruderschaft einschlummern zu lassen, ließen sich jetzt auch andere Leute, häufig Handwerksmeister, für 30 Silbergroschen ins Meisterbuch der Tuchmacher-Innung eintragen.
Jüdische Händler in der Mehrzahl kauften bei den Bauern die Wolle auf und verkauften sie wieder den Tuchmachern. Die Tuchmacher stopften die geschorene Wolle in die Lade am hinteren Teile der Reinigungsmaschine, welche durch Drehen eines Kurbelrades in Bewegung gesetzt wurde und bewirkte, daß die Wolle durch mehrere mit spitzen Haken versehenen Kammrollen mußte, dadurch gereinigt und gekämmt wurde und sich als lose Fäden vorne um die große Spule wickelte. Die großen Spulen wurden auf eine Drahtwelle des Spinnapprates gesteckt. Von ihnen leitete man die losen Wollfäden zu den vielen kleinen Spulen im Vordergrunde der Spinnvorrichtung und befestigte sie an ihnen. Diese losen Wollfäden verwandelte die durch Handbetrieb in Bewegung gesetzte Spinnmaschine in feste, gedrehte Fäden und legte sie dicht aneinander auf die kleinen Spulen, welche dann zum Zwecke des Scherens auf Drahtsprossen eines leiterähnlichen Apparates gebracht wurden. Den von jeder Spule führenden Faden zog man durch ein mit mehreren Oeffnungen versehenes Brett, so daß jeder Faden für sich allein durch eine Öffnung ging und befestigte ihn an dm etwa meterweit entfernt stehenden Scherrahmen. Dieser Scherrahmen besteht aus einer senkrechten Stange, welche mit Lederriemen an Decke und Fußboden befestigt und durch Querbalken mit parallellaufenden kürzeren Stangen so zu einen Gerüst verbunden ist, daß sich das Ganze frei drehen kann. Wurde nun der Scherrahmen in eine rotierende bewegung versetzt, dann legten sich alle Fäden so um das Gerüst, daß sie später leicht abgenommen und in einer schleimigen Flüssigkeit gebrüht werden konnten. Diese Flüssigkeit stellte man früher aus Schaffüßen, später aus Leim und Mehl her. Die Fäden wurden auf diese Weise stärker und haltbarer. Nun wurden die Fäden zum Wirken und Weben aufgebracht. dieses Aufbringen auf den Wirk- und Webstuhl erfolgte derart, daß die geschorenen Fäden auf einem Baum am Hinterteil des Webstuhles gedreht wurden. Um eine Verkoppelung zu verhindern, wurden sie durch zwei zu diesem Baume parallellaufende Schienen sowie durch einen Webekamm gezogen und an einer Rolle unten am Vorderteile des Webstuhles befestigt. Am Webstuhle befinden sich zwei Schienen, auf welche der Meister beim Weben tritt und so bewirkt, daß ein Teil der aufgebrachten Fäden in die Höhe, der andere nach unten befördert wird. Durch die so entstandene Lücke fährt das Webschiffchen hin und her und schlägt den aus ihm hervorkommenden Faden mit der Kammlade dicht an seine Genossen heran, wodurch das starke Tuch entsteht.
Um dem Tuche aber Glanz und Festigkkeit zu geben, wird es in die Walkmühle zum Walken oder Pressen gebracht.
Manche Familien stellten sich das Tuch für ihren eigenen Bedarf früher selber her. Statt Reinigungs- und Spinnmaschine hatten sie Spinnrad und Haspel. Durch den Haspel wurden die Fäden zu ‘Lagen’ oder ‘Docken’ gefügt. Nach dem Haspeln wurde der Faden gespult, das heißt auf Holzrollen gebracht, geschoren, gestärkt und gewebt.”

(Hrsg. Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926)


Berufsbezeichnungen

Tuchmacher, Kalander, Manger, Tuchweber
cloth-maker (engl.), cloth manufacture (engl.)

Zunftzeichen und Siegel der Tuchmacher

historisches Siegel, Tuchmachersiegelm Tuchmacher, Briefmarke

Frankfurt an der Oder, 16. Jh.

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Der Tuchmacher oder Tuchweber.
Er verarbeitet gesponnene Schafwolle, welche vorher geschlagen, gewaschen, gekämmet und kartetschet sey muß, ehe sie zum Spinnen geschickt ist. Er macht die eigentlichen oder vollkommenen Tücher, die allein aus Schaffwollengarn, ohne andern Zusatz, gewebet werden.
(aus: Hrsg. J.S.Stoy. Bilder-Akademie für die Jugend. Nürnberg 1784)


Büchertipps

Tuchmacher, Buch, Rolf Tonner

Abbildung um 1830

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