Das Gewerbe der Besenbinder hat sich
aus einer ursprünglich saisonalen Nebentätigkeit im bäuerlichen Alltag entwickelt.
In Städten gingen nur wenige diesem Handwerk nach.

Holzschnitt: Thüringer Besenbiner arbeitet zwischen zwei Birken - darunter Spruch: Die Menteroner handelten im Land, und wer daheim blieb, Besen band.

17. Jahrhundert, Thüringen

Kupferstich: zwei Männer fertigen in einer Werkstatt Besen an - 1625

1635 [Jan Georg van Vliet]

Die Besenmacherei war ein typisches Handwerk armer Leute, weil es sich jeder aneignen konnte, die Rohstoffbeschaffung fast nichts kostete und mit wenig einfachem Werkzeug ausgeübt werden konnte. So war das Besenmachen auch nie ein Lehrberuf und ebenso wenig gab es eine eigene Zunft. In Ermangelung einer eigenen Zunft schlossen sich Besenbinder häufig anderen Zünften an – z.B. in Wien den Kammmachern, in Breslau und Dresden den Siebmachern.
Die fertigen Erzeugnisse wurden in der eigenen Werkstatt und auf Märkten verkauft, der größte Teil wurde jedoch durch Hausieren vertrieben.

Reliefbild: Besenverkäufer mit Karre voller Besen bietet seine Ware drei Frauen an , die deren Qualität testen - 1740

um 1740

 


Berufsbezeichungen

Besenbinder,   Besenbinderin,   Besenmacher,   Besemer,    Bessemsbenger (NRW),   Besebinner (Hessen),   Rutenbinder
Dänisch:
Englisch:
Französisch:
kostebinder
broom maker, broomsquire
faiseur de balais, faiseuse de balais
Niederländisch:
Polnisch:
Spanisch:
bezembinder, bezemmaaker
miotlarz
escobero, escobera

verwandte Berufe:   Bürstenbinder,   Pinselmacher,   Korbmacher,   Moluckenmacher,   Rastelbinder


 

Kupferstich: Mann bindet Besen am Werkstattfenster, Frau bringt weiteres Reisig

1699 [Christoph Weigel]

Original Sinnspruch

 

 

 

 

 

Der Besenbinder
kehrt sauber aus, das Hertzen Haus.

Den Besen, den ihr täglich findet,
in Gottes Wort und den man bindet,
durch stilles Denken bringt herbey,
dem Mist der Eitelkeit zu wehren,
damit, wann Christus ein soll kehren,
die Wohnung rein und lieblich sey.

 

In den 1860er Jahren, als die Landwirtschaft und die Viehzucht noch nicht so viel Kräfte in Anspruch nahmen wie heute, fertigten besonders in weitabliegenden, kleinen Dörfern die Landleute teilweise neben anderen Arbeitsgeräten die in der Wirtschaft notwendigen Besen an Winterabenden oder witterungsungünstigen Tagen noch selbst an. Dies war meist die Arbeit der Knechte und geschah lediglich aus Sparsamkeitsrücksichten.

Je mehr nun aber die Arbeitskräfte von der Wirtschaft in Anspruch genommen wurden und je mehr diese Arbeit lohnte, um so mehr suchte man sich der kleinen Nebenarbeiten zu entledigen. Das war nun für manchen kleinen Mann eine günstige Gelegenheit zu einträglichem Erwerb, besonders in Gegenden, wo das Material für Besen und Körbe, wie in der Heide, leicht und fast unentgeltlich zu beschaffen war und wo dann auch die Stadt ein günstiges Absatzgebiet erschloß.
Ein Mann vermag wohl, mit Hilfe seiner Frau, welche die Reiser reißt, allein in einem Tage 5 Dutzend Besen zu binden, dabei ist er während des Bindens der Witterung ausgesetzt, und kann auch noch die Abende zu Hilfe nehmen. Zur Reiser- und Bindeweidenbeschaffung sind durchschnittlich alle zwei Tage meist nur etwa zwei Stunden erforderlich. Für den Sommer werden Reiser getrocknet in Vorrat gehalten, nach Einweichen verarbeitet und dann oft in ganzen Fudern lohnend abgesetzt.

Besonders auffällig zeigte sich dieser Besenhandel während des letzten Krieges, wo der aus fremdem Stoff gefertigte Ersatz knapper und dadurch der alte Beruf wieder recht lohnend wurde, zumal die Rohstoffe in alter Weise leicht zu erlangen war.

[Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926]

 


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Die Arbeit der Besenbinder

 


Die Besen

Farbfoto: drei aufrechte Besen

Rutenbesen

Ein Besen besteht aus zwei Teilen, dem Stiel und dem Besenkörper. Für die Anfertigung von Naturbesen wurde meist Birkenreisig  [RutenbesenReisigbesen]  und Ginster  [Ginstergbesen]  verwendet, seltener Hartstroh  [Strohbesen]. In Norddeutschland und England benutzte man auch Heidekraut  [Heidebesen],  in Rußland Maisruten  [Maisbesen]  und in Asien  [Reisbesen]. 
Der Stiel wird bei uns aus Stangenholz von Fichte, Weide  oder Haselnuss gewonnen. In Asien presst und bindet man häufig auch das Besenmaterial selbst zu einem Stiel zusammen.

Für Besen gibt es regional und je nach Nutzung diverse weitere Bezeichnungen:

Auskehrer,   Bartwisch,   Halb- oder Handbesen*
* sog. ‘halbe Besen’ wurden meist aus den weicheren Zweigen von Ginster oder Heidekraut hergestellt,
……besaßen keinen Stiel und eigneten sich gut für die Reinigung im Inneren des Hauses

Kehrbesen,   Kehrfeger,   Ofenwisch,   Spinnenbesen,   Stallbesen,   Straßenbesen,   Stubenbesen

Wird für Besen, Handfeger, Tischbesen u.ä. kein pflanzliches Material verwendet, ist das die Aufgabe eines Bürstenbinders.


 

Viele Besenmacher betrieben ihr Handwerk auch als Wandergewerbe. Sie zogen von Gehöft zu Gehöft, von Dorf zu Dorf und boten ihre Dienste an und, wenn es nichts mehr zu tun gab, ging es weiter.

Heute ist das Besenbindergewerbe bei uns weitgehendst der industriellen Produktion gewichen. Hier und da wir es noch aus Traitionspflege oder Liebhaberei betrieben und so mancher weiß die althergebrachten Straßen- und Stallbesen auch noch heute zu schätzen.

 


Wissenswertes, Schönes & Lustiges

 

  • Skulpturen und Geschichte(n)

Bronzebrunnen mit Figuren- Detail: sitzender Besenbinderjunge mit Besen

Rathausbrunnen in Enkenbach

Neukirchener Besenbinder

Der Rathausbrunnen der Gemeinde Enkenbach-Alsenborn (Rheinland-Pfalz) wurde 1987 vom Bildhauer Walter Bauer geschaffen. Auf der Schale befinden sich sieben Figuren, welche die sieben Orte der damaligen Verbandsgemeinde symbolisieren – für Neukirchen steht  (bzw. sitzt)  der Besenbinderjunge.
In Neukirchen wohnten früher viele arme Leute, die sich durch Besenbinden verdingten. Obwohl es Besenmacher auch in den anderen Gemeinden gab, lebten in Neukirchen überdurchschnittlich viele.

 

Bronzefigur: lebensgrosser Besenbinder mit Schubkarre

Blumme-Fritz’ – der letzte Besenmacher der Bönninghardt

Bönninghardter Besenbinder

Farbfoto: Sandsteinblock mit Gedenktafel

 

 

 

 

Text der Gedenktafel:

‘Noch im 19. Jahrhundert lebten auf der Bönninghardter Heide die Menschen in Plaggenhütten und verdienten sich mit Binden und Verkauf von Heidebesen einen kärglichen Lohn. Sie zogen in Holzschuhen mit voll beladenen Schubkarren durch die Region und legten dabei weite Strecken zurück, nicht selten bis Kleve, Duisburg oder Krefeld.’

Auf Initiative der ‘Interessengemeinschaft für Geschichte und Natur Bönninghardt’ und finanziert von der Kulturstiftung Sparkasse Moers wurde 2002 neben der evangelischen Kirche Bönninghardt das Denkmal enthüllt, welches „Blumme-Fritz“ auf Verkaufstour darstellt. Geschaffen hat dieses Bronze-Ensemble die Alpener Künstlerin Erika Rutert. Der lebensgroße Besenbinder und seine mit Besen beladene Schubkarre wurden liebevoll in ein kleines Parkstück integriert.

sw Foto: kleine mit Grassoden abgedichtete Wohn- und Stallhütte

1890 – ‘Plaggenhütte’ [C.A. Unverdroß]

Das Besenbinden aus Heidekraut war für die Menschen, die in der sandig kargen, wasserarmen Bönnighardter Heide* in einfachsten Plaggenhütten** lebten, neben Tagelöhnerei die zumeist einzige Erwerbsquelle – noch um 1920 stand  B e s e n b i n d e r  als zweithäufigster Beruf in den Kirchenbüchern.

* Teil der Niederrheinischen Höhen, die ein riesiger Gletscher vor etwa 200.000 Jahren
……..aus seinem mitgeführten Sand und Geröll aufgetürmt hat
** pritive Hölzhüttchen, bedeckt mit Heide(kraut) und mit Grassoden abgedichtet

sw Foto: Fritz Kempens bei der Arbeit in der Heide

Fritz Kempens bei der Arbeit in der Heide

 

Dieses mühevolle Handwerk und der Handel mit Besen wurden dort noch bis in die 1950er Jahre ausgeübt. So etwa von Fritz Kempkes (1894-1976), genannt ‘Blumme-Fritz’, der am heutigen Besenbinderweg lebte und bis 1958 bei Wind und Wetter mit seiner Holzkarre zu Fuß auf Klompen unterwegs war, um seine selbst gebundenen Heidebesen und den neuesten Dorfklatsch feilzubieten.

 

Bronzefigur: auf Hocker sitzender Besenmacher zurrt Seil um Ruten fest, links daneben großer Sandstein mit Stiftungstafel und angelehntem Bronzebesen

Völkersbach (Schwarzwald)

Völkersbacher Besenbinder

 

Text der Stiftungstafel:

‘Der Völkersbacher Besenbinder wurde im Jahr Zweitausendrei
von dem Bildhauer Jean Pierre Morlais geschaffen
und aus Mitteln der Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe errichtet.’

 

 

Holzfigur: Bessemsbenger bindet knieend Ruten zu einem Besen

Lindlar

Lenkeler Bessemsbenger

Die Lindlarer Besenbinder wurden vor mehr als hundert Jahren als ‘Lenkeler Bessemsbenger’ bezeichnet.
Zumeist  banden alte Männer und Arbeitsbehinderte aus heimischer ‘Reh-Heide’ Besen, die sie in der weiteren Umgebung verkauften. Mit dem Erlös unterstützten sie die häufig sehr kinderreichen und unvorstellbar armen Familien, in denen sie lebten. Die neben der Landwirtschaft fast ausschließlich in den Steinbrüchen Beschäftigten starben früh an der Berufskrankheit Silikose (Steinstaublunge). Lindlar hatte damals als  ‘Dorf der jungen Witwen und Waisen’  traurige Berühmtheit erlangt.

Die Holzskulptur wurde vom Lindlarer Ehrenbürgermeister, Josef Bosbach,  geschaffen.

 

 


Film “Der Besenbinder” von Helga und Hans Meister, 2015


  • Zeichnungen

 


  • Besen & Humor

 


  • Buchempfehlungen

Buchcover

Jeremias Gotthelf: ‘Der Besenbinder von Rychiswyl’ – Hofenberg Verlag, 2016
Coverbild:  ‘Der Besenverkäufer’  [1840, William Collings]

Buchcover

Carl Hauptmann: ‘Die armseligen Besenbinder’
– Hofenberg Verlag, 2017

 

Metallanstecker mit Besenbindermotiv

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