Die Zinngießer stellen die unterschiedlichsten Zinngefäße her und setzen solche auch wieder instand.

Handwerker am Schmelzofen

1839

Zinn, das mattgrau bis silbrig aussehende Metall, ist mindestens seit 5000 bekannt. Die Ägypter, Sumerer und Babylonier verarbeiteten das weiche Zinn aber meist nicht in seiner reinen Form, sondern stellten mit Kupfer eine Legierung her, die einem ganzen Zeitalter den Namen gab: die Bronze.
Aus der golden-rötlich schmimmernden Verbindung wurden neben Hausgerät und Schmuckgegenständen vor allem Waffen gefertigt.
Auch die Zinngießer späterer Jahrhunderte verarbeiteten kein reines Zinn. Damit es sich besser gießen läßt, legierten sie es mit Blei. Dieses Metall aber war bedeutend preiswerter als Zinn. Mancher Zinngießer, damals Kandelgießer genannt, kam deshalb in die Versuchung, seine Kunden zu betrügen. Er mischte dem Zinn viel Blei bei, um daraus zusätzlichen Gewinn zu erzielen. Blei aber ist gesundheititsschädlich, und so war das Mischungsverhältnis – meist ein Teil Blei auf zehn Teile Zinn – in Zunft- udn Staatsverordnungen genau festgelegt. Um eine ständige Kontrolle zu haben, verpflichtete man die Zinngießer, ihre Erzeugnisse zu markieren – in Hamburg verordnete man das schon 1375. Jeder Meister mußte seine Signatur einschlagen, die bei der Zunft registriert war: Jederzeit konnte jetzt festgestellt werden, welche Werkstatt den Gegenstand gefertigt hatte.

Arbeiter stellt Form her

1839

Später kam noch das Stadt- oder Landeswappen hinzu, wie Christoph Weigel 1698 berichtete: ‘Weil aber mit dem Zinn, wie mit dem Silber, ein großer Betrug vorgehen kann als wird nicht nur an den meisten Orten in Teutschland, bevorab in den Reichs-Städten, deswegen öffentliche Schau gehalten, sondern auch noch über dieses das Stadt- oder Landes-Fürstliche Wappen zum Zeichen richtiger Probe darauf geschlagen.’

Die Zinngießer schlossen sich schon früh zusammen. Für Nürnberg ist die Existenz der Zunft aus dem Jahre 1285 belegt. In Paris, so ist überliefert, ersuchten sie 1304 um die Bestätigung ihrer Zunftordnung. Zahlreich bildeten sich Zinngießerzünfte im 16. Jahrhundert heraus, so 1504 in Stendal, 1533 in Torgau, 1545 in Stockholm, 1579 in Berlin und 1596 in Erfurt. Die Zunftordnungen enthielten strenge Bestimmungen: Den Beruf des Kandelgießers durfte beispielsweise nur erlernen, wer eine ‘ehrliche Herkunft’ nachweisen konnte. Als ‘unehrlich’ galten unter anderem die Kinder von Totengräbern, Nachtwächtern und vor oder außerhalb der Ehe gezeugte Kinder. Da seinerzeit amtliche Urkunden noch nicht üblich waren, hatte jeder zwei Zeugen aufzubieten, die vor den Zunftmeistern die ‘ehrliche’ Herkunft zu bestätigen hatten.
(aus: Bernd Wurlitzer: Historische Werkstätten, Verlag Die Wirtschaft Berlin, 1989)


Berufsbezeichnungen

Affengießer, Kandelgießer, Kandler, Kannengießer, Tinnegeter, Zinner, Zinngießer
kannenghetere (Ende 14. Jh.)
kangisser (Mitte 15.Jh.)
Canthengisser (Anfang 16.Jh. Pfalz)
Kantengüsser 8Anfang 17. Jh. Pfalz)
engl.: peweter, whitesmith

Mitunter war damit auch der Klempner, Kesselflicker oder Blechschmied gemeint.


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Arbeitsschritte

Arbeiter gießt Zinn in eine Form

2011 [Foto: Sulamith Sallmann]

  • ansetzen der Schmelzmasse (Damit Zinn gußfähig wird, setzt man ihm Antimon, Kupfer und Blei zu. Dabei gilt: 1 Pfund Blei auf 9 bzw. 10 Pfund Zinn, um noch als gute Ware durchzugehen.)
  • gießen
  • abdrehen
  • mitunter verlöten
  • polieren
  • entgraten

Zinnbarren kauften die Zinngießer auf den Messen der Handelsstädte. Im Schmelzofen ihrer meist kleinen Werkstatt erhitzten sie das Metall, das bereits bei 232 Grad Celsius flüssig wird, und gossen es mit Gießlöffeln in die schon vorbereiteten Formen. Die Formen bildeten den Reichtum einer jeden Zinngießerwerkstatt. […] Nach dem Gießen wurden die Gegenstände abgedreht, verputzt und geglättet. In jeder Werkstatt stand deshalb eine handgetriebene Drehbank mit einem großen Schwungrad. Zahlreiche Gegenstände wie Kannen, Kelche und Krüge mußten in mehreren Teilen gegossen werden, die man danach zusammenlötete.
Die Blütezeit der Zinngießerei endete als industriell gefertigte Massenware aus Steingut, Porzellan, Blech und Email billiger auf den Markt kam.
(aus: Bernd Wurlitzer: Historische Werkstätten, Verlag Die Wirtschaft Berlin, 1989)


Werkzeuge und Hilfmittel

Drehlade, Schmelzofen,
Gußformen (z.B. aus Sand,Schiefer, Gips, Messing, Gußeisen),
Schmelztiegel, Gießlöffel


Produkte der Zinngießer

Geschirr (Teller, Schüsseln, Becher, Terrinen), Kannen, Besteck, Kerzenleuchter, Zeremonialgeräte für die Kirche, Zinnfiguren als Spielzeug


Markenpflicht

Mitunter trugen die Erzeugnisse bis zu drei Stempel, um den Hersteller genau ermitteln zu können.

Stadtmarke
Meistermarke
Qualitätsmarke


Ausbildung

Die Lehrzeit betrug bis zu sechs Jahre, der eine zunächst sechsjährige, später auf zwei Jahre verkürzte Wanderzeit folgte. Es wurden nur Lehrlinge ausgebildet, die nachweisen konnten, dass sie eine eheliche Geburt hatten.
Ab dem 19 Jahrhundert wurde ein Gesellenstück gefordert.
Zum Beispiel in
Friesland = 1 Teetopf

Um Meister zu werden gab es in den verschiedenen Gegenden unterschiedliche Anforderungen:
1375 – Hamburg = 1 Schale
1517 – Regensburg = 1 Schenkkanne, 1 Schüssel, 1 Gießfass
1589 – Augsburg = 1 Schenkkanne, 1 Schüssel, 1 Gießfass
In Desden und Breslau musste man sogar vier Meisterstücke anfertigen.

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