Der Nachtwächter wacht, damit man
des Nächtens ruhig schlafen kann.

NachtwächterNachtwächter als Beruf kam mit dem Entstehen der ersten größeren Ortschaften und Städte im Mittelalter auf. Für die bis dato u.a. auch mit der Nachwächterey betrauten Personen – die Scharwachen und Turmwächter (Türmer) – wurde das Überwachungsgebiet zu groß.
Fortan war es Aufgabe des Nachtwächters, nachts durch die Straßen und Gassen des Ortes zu gehen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er warnte die schlafenden Bürger vor Feuern, Feinden und Dieben. Er überwachte das ordnungsgemäße Verschließen der Stadttore, Haustüren und Fenster. Lange Zeit gehörte auch dazu, die Stunden anzusagen, womit er zugleich Kund tat, dass er seinem Dienst ordnungsgemäß nachging. Er hatte das Recht, verdächtige Personen, die nachts unterwegs waren, anzuhalten, zu befragen, sie notfalls festzunehmen und in ‘Eisen’ zur Polizeiwache zu bringen.

SignalhornZur klassischen Ausrüstung der Nachtwächter gehörten eine Hellebarde oder eine ähnliche Stangenwaffe, eine Laterne und ein Horn.

 


Berufsbezeichnungen

Nachtwächter, Dorfnachtwächter, Dorfwächter, Wachmann
englisch: night watchman, night guard, bellman
französisch: veilleur (de nuit)
italienisch: guardia di notte, vigilante notturno
schwedisch: nattvakt

 

“Den Nachtwächter hat man in alten Zeiten gekannt. Er diente den friedlich schlummernden Bürgern zum Schutze vor Spitzbuben und Feuersgefahr. Die Nachtwächter wanderten mit Horn, Spieß und Laterne einsam durch die stillen Gassen. Die einzelnen Stunden der Nacht wurden abgerufen und außerdem noch durch Tuten auf dem allmächtigen Horn bekanntgegeben. Allmählich aber trat an die Stelle des gefährlichen Spießes ein tüchtiger Handstock und auch statt des Hornes, wenigstens in den Städten, die sogenannte ‘Knarre’ oder ‘Schnarre’ (auch Ratsche genannt).

 

Fast überall sang einstmals der Nachtwächter
beim Stundenschlage der ehrwürdigen Kirchturmuhr das seinerzeit
so bekannte Lied:
[überliefert aus dem 16. Jahrhundert]

 

Nachtwächter, Nachtwache

‘Nachtwache’ [Franz Skarbina]

um 10 Uhr:
Hört, Ihr Herren, und laßt euch sagen, die Glocke hat nun zehn geschlagen.
Zehn Gebote setzt’ Gott ein; gib, daß wir gehorsam sein.
Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muß wachen, Gott muß schützen.
Herr, durch deine Güt’ und Macht, schenk uns eine gute Nacht.
um 11 Uhr:

Hört ihr Herren und laßt euch sagen, die Glocke hat nun elf geschlagen.
Elf ist der Apostel Zahl, die da lehren überall.
Menschenwachen … usw.
um 12 Uhr:

Hört ihr Herren, und laßt euch sagen, die Glocke hat nun zwölf geschlagen.
Zwölf, das ist das Ziel der Zeit; Mensch, bedenk die Ewigkeit.
Menschenwachen … usw.
um 1 Uhr:
Hört ihr Herren, und laßt euch sagen, die Glocke hat nun eins geschlagen.
Eins ist allein der ein’ge Gott, der uns trägt aus aller Not.

Nachtwächter, Nachtwache, Wien

um 1810, Wien [Georg Opitz]

um 2 Uhr:
Hört ihr Herren, und laßt euch sagen, die Glocke hat nun zwei geschlagen.
Zwei Wege hat der Mensch vor sich; Herr, den rechten führe mich.
Menschenwachen … usw.
um 3 Uhr:
Hört ihr Herren, und laßt euch sagen, die Glocke hat nun drei geschlagen.
Dreifach ist, was heilig heißt; Vater, Sohn und heil’ger Geist.
Menschwachen … usw.
um 4 Uhr:

Hört ihr Herren, und laßt euch sagen, die Glocke hat nun vier geschlagen.
Vierfach ist das Ackerfeld, Mensch, wie ist dein Herz bestellt.
Auf, ermuntert eure Sinnen! Denn es weicht die Nacht von hinnen.
Danket Gott, der uns die Nacht hat so väterlich bewacht.

 

 

DieNachtwächterses Lied, das hier und dort auch wohl mit kleinen Abweichungen gesungen wurde, zeigt uns so recht den frommen Sinn und die tiefe Berufsauffassung der Leute jener Zeit. Das Lied wurde leider Anfang des 19. Jahrhunderts immer mehr vernachlässigt. Selten noch hört man den alten Nachtwächter auf dem Dorfe einige dieser Strophen singen. Statt der ‘Knarre’ kam hier und dort in den Städten auch wohl die schrille Pfeife auf, durch die man schneller und sicherer andere Kollegen herbeiholen konnte, wenn es nötig war.
Dieser Nachtwachdienst wurde zu jenen Zeiten als Nebenberuf betrieben, und zwar häufig von den Handwerkern, die dann morgens noch einige Stunden schlafen konnten, bevor sie sich zu ihrer eigentlichen Arbeit niedersetzten. Der Dienst wurde auch nicht sonderlich bezahlt, obgleich er gerade nicht angenehm war. Natürlich nahm man zu Nachtwächtern nur stramme, handfeste Leute!”

(Hrsg. Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926)

Nachtwächter, Nachtwache, Prügelei, London

1820 – [Cruikshank]

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Nachtwächter im 18. / 19. Jahrhundert

 

“Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fingen viele Städte an, den Nachtwächterdienst durch Polizeibeamte ausüben zu lassen. So schwand vor allem in den Städten nach und nach der Beruf des Nachtwächters! Aber auf dem Dorfe lebt der Nachtwächter noch immer und ist hier eine ziemlich gewichtige Persönlichkeit, besonders dann, wenn er hauptamtlich auch noch Gemeindediener ist. Abends geht er auf die Straßen, ruft die Stunden aus und läßt sein langes, dumpfes ‘Tut – tuut!’ ertönen. Er kontrolliert natürlich auch die Wirtschaften, und wenn er dann oft auch noch seinen Teil abbekommt, dann nimmt er es nicht so genau mit dem Feierabendbieten*, besonders, wenn ihm sein Vorgesetzter, der Gemeindevorsteher, einen kleinen Wink gibt. (* Sperrstunde)

Nebenbei war der Nachtwächter dann oft zugleich noch Kuhlengräber, wobei für ihn auch noch so mancherlei abfiel. Das schöne poesievolle Bild des alten Dorfwächters verblaßt in unserer Seele auch schon mehr und mehr, wenngleich der Nachtwächter noch immer seinen Dienst versieht. Aber sein Horn liegt schon in irgendeiner Ecke, und schweigsam bringt er seine Stunden zu auf der einsamen, stillen Straße.”

(Hrsg. Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926)

 


Nachtwächter im 20. Jahrhundert

 

Während der Wende zum 20. Jahrhundert ging mit der flächendeckenden Einführung von Straßenbeleuchtungen und neuen Polizeigesetzen zugleich die Abschaffung der meisten Nachtwächter einher.
Nachtwächter, Taschenlampe
Zum Teil ist die Berufsbezeichnung Nachtwächter heute noch im Objektschutz üblich für Personen, die von (zumeist privaten) Sicherheitsdiensten angestellt und für den nächtlichen Objektschutz etwa von Museen oder Industrieanlagen tätig sind.

Im Rahmen der Traditionspflege bieten in manchen Städten Fremdenführer im Nachtwächter-Look
historische Nachtwach- oder sonstige Rundgänge an.

Die Häuser wurden damals, wie es ja bis in die neuere Zeit der Fall war, allabendlich Punkt 10 Uhr vom Nachtwächter, deren jeder seinen bestimmten Bezirk hatte,geschlossen. Hatte nun jemand seinen Hausschlüssel, der immer ein bedeutendes Volumen besaß und die tasche fast zerriß,  vergessen und hörte auch niemand von den Seinigen oben im Hause sein lautes Händeklatschen, das um Einlaß bat, so begann er mit dröhnender Stimme nach dem Wächter zu rufen.Dieser saß gewöhnlich, besonders in kalten Winternächten, in irgendeinem warmen Kaffeekeller, bis seine Pflicht ihn hinausrief; denn allstündlich mußte er seinen Bezirk durchwandern und die Stunde, die es geschlagen, auspfeifen.
So hörte man oft des Nachts den Ruf: Wächter, Wächter! durch die stillen Straßen ertönen und fühlte sich um so behaglicher in seinem warmen Bette, wen man dachte, daß jemand draußen frierend in der Winternacht stand und warten mußte bis der Wächter seine Runde machte.
Aber schrecklich war es, wenn aus der Ferne und dann näher kommend, das Tuten des Nachtwächters erschallte, das ‘Feuer’ verkündete, und wenn darauf die Spritzen durch die Straßen rasselten. […]
(Quelle: Agathe Nalli-Rutenberg: Das alte Berlin. Erinnerungen. 1913, Continent Verlag Berlin)

 

 


Wissenswertes, Schönes & Lustiges

 

Nachtwächter, Nachtwächter-Stechuhr

Nachtwächter-Stechuhr

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Ab dem 19. Jahrhundert gab es in wohlhabenden Städten zunehmend auch sogenannte ‘stumme’ Nachtwächter.
Das wurde ermöglicht durch den Engländer Samuel Day, der 1803 die Nachtwächter-Stechuhr (watchman’s noctuaries and labourer’s regulators) erfand.
In diese mechanische Uhr mußte der Nachtwächter zu bestimmten Stunden in ein bis dahin verdecktes Loch einen Papierstreifen einlegen, auf den zum Beleg seines regelmäßigen Rundganges die jeweilige Zeit gedruckt bzw. gestanzt wurde.

 


  • Brauchtum

“Besonders freute sich der alte Dorfnachtwächter auf Neujahr. Den Wirtsleuten gratulierte er nach 12 Uhr gewöhnlich recht, recht herzlich! Na, sie ließen sich dann ja auch nicht lumpen; denn eine Hand wäscht die andere. Aber dann ging es auch schon gleich im Dorfe von Haus zu Haus. Er klopfte an die Kammerfenster und beglückwünschte die Bauern mit seinem alten Spruche:

 

Nachtwächter, Nachtwache, NeujahrKrischan und Lowise,
eck grateleere ok tau’n nieen Jahre!

Ick wünsche euch den Gottessegen,
und dazu viel gute Glück!
Gott lasse euch in Frieden leben,
Jede Stund’ und Augenblick!”
Gott bewahre euer Haus,
Wo ihr gehet ein und aus!
In dem schönen Himmelsgarten
Wird Herr Jesus euch erwarten!
Amen, Amen, das ist wahr;
Das wünsch’ ich euch zum neuen Jahr!

 

Der Bauer öffnet das Fenster, bedankte sich und reichte ihm dann etwas zu trinken heraus. Wenn’s dem Alten auch oft schon recht schwer fiel, abschlagen durfte er dem Bauern nichts; denn am Neujahrsnachmittag kam ja der schönste Gang vom ganzen Jahr, nämlich das Einsammeln der Neujahrstrinkgelder! Und wie mochte der Alte dann abends geschmunzelt haben, wenn er mit seiner Alten beim Scheine der Lampe das viele kleine Geld sortierte und zählte und es sich wieder einmal recht gelohnt hatte!

(Hrsg. Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926)

 


  • Kunst & Kunsthandwerk

 


  • Humor

 


 

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