Kuhhirte

Der Kuhhirt (Kauhheier) gehört zu den Frühaufstehern auf dem Lande. Bei Tagesanbruch macht er sich schon bemerkbar. Mit Hund und Horn geht er durch das Dorf und bläst an bestimmten Stellen sein bekanntes Signal. Dann kommen überall aus den Höfen die Kühe hervor. Die eine oder andere tritt erst breitspurig vor ihren Hirten hin und begrüßt ihn mit blödem Blicke und gemütlichem Gebrumme. Stellenweise war es früher und ist es vielleicht auch noch heute Sitte bei den Bauern, abwechselnd einen Hütenjungen mitzugeben, und zwar für jede Kuh, die dem Bauern gehörte, einen Tag lang.
Der Hütejunge war gewöhnlich ein Kleinknecht oder ein Schuljunge und mußte beim Hüten behilflich sein, besonders in der ersten Zeit des Austriebes.
Kamen mittags die Kühe nicht heim, dann fuhren die Melkerinnen zur Weide, um die Kühe zu melken. Wer aber nur bis zwei Kühe in der Herde hatte, dessen Melkerin trug ihre Eimer an der “Schanne” zur Weide, um die Milch zu holen. Mancherorts kannte man die Schanne nicht. Man trug eben den eimer Milch auf dem Kopfe und legte, damit der Eimer nicht abrutschen konnte, einen kleinen, kunstvoll geflochtenen Strohkranz darunter.
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Im Harze , früher auch im Solling, waren die Hirten stolz auf das Glockengeläute ihrer Herde, das schön abgestimmt war. Beispielsweise in Sieber im Harze war es achtstimmig.
Abends werden die Kühe heimgetrieben. Sobald sie ins Dorf kommen, biegen sie ab, bald links, bald rechts, um im heimischen Stalle jede ihren bestimmten Platz zu finden.
Der Austrieb der Kühe begann in den meisten Gegenden Niedersachsens immer mit dem 1. Mai. An diesem Tage zog dann der Leitbulle mit Kränzen geschmückt stolz vor seiner Herde her. Tag für Tag begleitete der Kuhhirte die Herde. Erst im Spätherbst, bei günstiger Witterung erst am Martinitage, hatte sein Außendienst ein Ende.
Als Lohn gab es in der Hauptsache Wohnung, freie Beköstigung, Schuhzeug und etwas Bargeld.
Eine besondere Stelle spielt im Leben des Kuhhirten der Pfingsttag. Mancherorts zeichnete der Hirte die Magd, welche an diesem Morgen ihre Kühe zuerst hinausließ, dadurch aus, daß er ihre Kühe bei der Heimkehr mit einem frischen Kranze schmückte. Die Mage aber, die ihre Kühe zuletzt geschickt hatte, mußte sich als Langschläferin schämen; denn ihre Kuh kam abends mit einem Strohkranze nach Hause.
Auch der “Pfingstochse” spielte eine große Rolle! Schon einige Tage vor Pfingsten wurde vom Schlachter ein besonders schöner Ochse gekauft, mit Girlanden und Kränzen geschmückt und durch den Ort geführt, um die Leute recht lüstern zu machen auf den saftigen Pfingsbraten.
In andern Orten wieder, wie beispielsweise in Letter und Umgegend, westlich vor Hannover, schmückte der Hirte am Nachmittage des ersten Pfingsttages alle seine Kühe. Kam er abends heim, dann bekam er von den Kuhhaltern dafür ein schönes Trinkgeld. Dieser Tag war für ihn ein Haupteinnahmetag. […]
(Hrsg. Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926)

 


Berufsbezeichnungen

Kuhhirte, Kuhhirt, Kauhheier, Kiehgung
cowboy, cowherd (engl.), vacher (franz.), kravar (kroat.), vaqueiro (port.)

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verwandte Berufe: Gänsehirte, Schweinhirte, Rinderbauer


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Kuhhirte - Liedkarte

Erzgebirge [B.Herrmann]

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