Seiltänzer  sind Akrobaten, die sich darauf verstehen, auf einem Seil zu laufen bzw. zu tanzen.
Oft führen sie dabei auch diverse zusätzliche Kunststücke vor.

Belege für Seiltanz finden sich bereits auf antiken Münzen, Vasen und Wandgemälden der Griechen und Römer.
Im Mittelalter führten indische, persische und morgenländische Gaukler Kunststücke auf mehr oder weniger hohen Seilen vor sich versammelndem Publikum auf.

Bevor 1834 das Drahtseils erfunden wurde übte man Seilakrobatik ausschließlich auf Hanfseilen aus. Öffentliche Darbietungen auf Drahtseilen fanden erstmals ab er Wende zum 20. Jahrhundert statt und wurden auch als  Drahtseilakte  bezeichnet.

Kupferstich: Seiltänzer läuft mit Balancierstange über ein Seil zwischen zwei Holzböcken und viele Leute schauen zu - 1730

1730 – ‘Der Seil-Tanßer’ [Christoph Weigel d.J.]

Sinnpruch zum Beruf des Seiltänzers

 

 

 

 

 

Zu wenig und zuviel, verderbt des Lebens Spiel.

Die Freud und Traurigkeit sind Seile,
daran das Herß bald aufwerts steigt,
bald wieder sich zur Tieffe neigt,
Weil hie nichts dauret lange Weile.
Soll nun kein Wancken Schaden bringe(n),
So haltet Maß in allen Dingen.

 


Berufsbezeichnungen

Seiltänzer,   Seiltänzerin,   Seilläufer,   Drahtseilläufer,   Hochseilartisten
Englisch:
Französisch:
Isländisch:
Italienisch:
Lateinisch:
Polnisch:
ropedancer, tightrope walker, equilibrist, funambulist
danseur de corde, danseuse de corde, funambule
línudansari
funambolo
funambulus
tightrope walker
Portugiesisch:
Russisch:
Schwedisch:
Slowenisch:
Spanisch:
Ungarisch:
equilibrista
канатоходец
lindansare
vrvohodec
funámbulo
kötéltáncos

verwandte Berufe:   andere Akrobaten,   Slackliner


 

 


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Die Kunst des Seiltanzens

Seiltänzer, eine Person, welche sich geübt hat oder die Kunst versteht, auf einem ausgespannten Seile tanzende Bewegungen zu machen; auch die Seiltänzerin, weil auch Personen weiblichen Geschlechts diese Kunst üben. Bei den Alten, den Römern war diese Kunst sehr beliebt. […] Der Kaiser Marc Aurel ließ den Seiltänzern Matten unterbreiten, damit wenn ja einer das Unglück haben sollte herabzufallen, wie dieses einst in seiner Gegenwart geschehen, er nicht Schaden nehme. In der Folge spannte man unter dem Seile ein Netz aus, um dergleichen Unglücksfälle zu verhüten. […]

 

sw Zeichnung: Mann übt mit Mädchen auf kurz über dem Boden gespanntem Seil

‘Bodenübung’ [1910, Erich Heckel]

Das Seiltanzen ist eine Kunst, die von Jugend auf geübt werden muß, welches erst bei den Kindern mit dem Stamme eines Baumes geschieht, das heißt, die Knaben oder Mädchen, die diese Kunst lernen wollen, oder die man diese Kunst lehren will, müssen erst auf einem auf der Erde liegendem Baume, der von aller Rinde entblößt worden, und daher glatt ist, laufen lernen. Wenn sie darauf mit aller geläufigkeit hin und her laufen und verschiedene Bewegungen machen können, wird ein dünnerer gewählt, und so fortgefahren, bis zu einem Schiffstaue, das man ein Paar Fuß von der Erde hoch ausspannt, und darauf den Schüler laufen und verschiedene tanzende Bewegungen machen lehrt, wozu sich derselbe nun schon der Balanzierstange bedienen muß. Dann kommt das Seil heran, und zuletzt Draht. Durch eine angestrengte Uebung hat man es in dieser Kunst bis zur Meisterschaft gebracht. Auf einem zwischen zwei hölzernen Böcken straff gespannten Seile geht der Künstler nicht nur, sonderns tanzt und springt auf demselben mit der größten Leichtigkeit. Man gewahrt Seiltänzer, die über ein, quer über dem Seile in einer Höhe von drei Fuß und darüber gezogenes Band hinwegspringen, und genau wieder an jener Seite auf dem Seile zu stehen kommen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die Elasticität des Seils kommt ihren Bewegungen sehr zu Statten, und giebt ihren Sprüngen eine größere Höhe. Die Erhaltung des Gleichgewichts wird durch die Balanzierstange erleichtert, ohne diese würden eine Menge der schönsten Sprünge unmöglich auszuführen seyn. Leichtere Stücke indessen, z.B. das bloße Vor- und Rückwärtsgehen, das Stehen auf einem Beine, wird von dem geübten Künstler auch ohne dieses Werkzeug gemacht.

 

Die Balanzierstange besteht aus einer ungefähr 12 Fuß langen hölzernen Stange, die an der Mitte die zum Anfassen nöthige Dicke hat, an den beiden Enden aber mit zwei schweren Kugeln oder auch birnenförmigen Kolben versehen ist. Der Gebrauch und Nutzen derselben ist folgender: Wenn z.B. der Seiltänzer im Begriff ist, nach der rechten Seite hinzufallen, so müßte er ohne Balanzierstange im ersten Moment, wo er die Gefahr merkt, alle jenseitigen Muskeln aufbieten, um seinen ganzen Körper wieder in die kaum verlorene Gleichgewichtslage hinüberzuziehen, bei hohen Sprüngen könnte der Fehler aber oft so viel betragen, daß solches nicht mehr möglich wäre; wohl aber kann er, selbst bei einer schon beträchtlich abweichenden Lage, sich durch die Balanzierstange helfen, indem er sie bei dem eben angenommenen Fall nach der linken Hand hinschiebt. […] Das Verrücken der Balanzierstange kann durch eine leichte Bewegung der Hände geschehen, daher sie für Seiltänzer ein bequemes und nothwendiges Mittel ist. Ohne Balanzierstange können die beiden Arme und ein aufgehobener Fuß die Stelle derselben einigermaßen vertreten; denn durch Ausstreckung des linken Armes und Beines wird ebenfalls der Schwerpunkt weiter nach der linken Seite hingerückt, daher man beim Balanzieren die Sache durch horizontale Ausstreckung des Armes erleichtert; auch nebenher deshalb, weil der Schwerpunkt dadurch weiter nach oben gebracht wird, als wenn die Hände herabhingen, folglich seine Verrückung leichter bemerkt wird. Gewichte, die man in Händen hält, gewähren auch einigen Vortheil, weil dadurch, bei Ausstreckung des Armes, der Moment schneller wächst, aber die Bewegungen mit demselben können nicht so genau und so augenblicklich gemacht werden, als mit der Stange.

[Johann Georg Krünitz: Oeconomisch technologische Encyclopädie. 1830]

 


Darbietungen der Seiltänzer

koloriertes Foto: zwei Männer und eine Frau bei Hochseildarbietung mit Stühlen - 1940

um 1940, England

 

 

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