Der Ziegenhirte zog mit seinen bzw. den ihm anvertrauten Tieren über Wiesen oder zugewiesene Weideflächen zum Äsen. Er hatte Obacht zu geben, dass den Ziegen nichts passierte und natürlich auch, dass er mit der vollzähligen Herde abends ins Dorf zurückkehrte.

„Es ist gut, daß immer noch Plätzchen auf der Welt sind, die niemandem gehören, wo die Armen ihr Gras sammeln können.
Wo aber der Fuß des Menschen kaum mehr einen Halt findet, da klettert noch die Ziege, die Genossin der Armen, umher, um sich ein frisches Kraut oder ein schmackhaftes Läublein zu holen.“

 

[aus ‚Lauterbacher Dorfgeschichten‘ von Berthold Auerbach (1812-1882) ]

2012, Normandie [Foto: Sulamith Sallmann]

„In manchen Gegenden Niedersachsens war früher auch der Ziegenhirt (Zeegenheier) eine alltägliche Erscheinung.

Wo die Gegend zu bergig und sich nicht recht für die Landwirtschaft eignete, hielten die Leute sich eben viele Ziegen, die dann der Hirt vom Frühling bis in den Spätherbst hinein tagsüber an den Berghängen weidete. Morgens gegen halb sechs Uhr trutete der Ziegenhirt bereits im Dorfe; dann mußten die Ziegen schon gemolken sein. Aus allen Ecken und Winkeln kamen ihm dann die munteren Tiere unter allerlei Bochsprüngen entgegen.

Recht schnell zog dann der Hirt mit seinen Tieren fort, damit die Langschläferinnen anderen Leuten zum Gespötte ihre Ziegen selber nachbringen mußten. Es war recht schön anzusehen, wie geschickt die Tiere an den Bergen umherkletterten.

Abends kehrte dann der Hirte zeitig genug heim, damit die satten Tiere wieder gemolken werden konnten.
Das Amt eines Ziegenhirten brachte meist nicht viel ein. Er wohnte gewöhnlich im Armenhause und aß sich bei den Ziegenbesitzern mit durch. Bargeld gab es natürlich auch nur recht wenig. Während der Verkoppelung wurden meist die Ziegenanger mit aufgeteilt.
Oder man bepflanzte die Hänge mit Obst. Oder auch aus noch mancherlei anderen Gründen wurden die Ziegen immer mehr abgeschafft. Schließlich war dann der Ziegenhirt überflüssig geworden.
Darum begegnen wir ihm heutzutage wohl nur noch selten.“

[Hrsg. Ernst Bock: Alte Berufe Niedersachsens. 1926]

 


Berufsbezeichnungen

Ziegenhirte,   Ziegenhirt,   Ziegenhüter,   Ziegenpeter,   Zeegenheier (niedersächsisch)

goat herder (engl.), getaherde (schwd.)

verwandte Berufe: Gänsehirte, Schweinehirte


Anzeige




Interessantes, Schönes &  Lustiges aus der Welt der Ziegen

 

Die beiden Ziegen

 

Ziegen, BronzeskulpturZwei Ziegen trafen sich auf einer schmalen Brücke, die über einen tiefen Fluß führte. Die eine wollte auf diese Seite, die andere wollte auf die andere Seite des Flusses.

 

„Geh miZiegen, Grimmr aus dem Weg!“ meckerte die eine.
„Du bist gut!“ meckerte die andere. „Geh du doch zurück und laß mich zuerst hinüber. Ich war auch als erste auf der Brücke.“
„Was fällt dir ein?“ antwortete die erste. „Ich bin viel älter als du und soll zurückgehen? Sei etwas höflicher! Du bist jünger, du mußt nachgeben!“

 

Aber beide waren hartnäckig. Keine wollte zurückgehen, um die andere vorzulassen. Erst haben sie geredet, dann geschrien und schließlich geschimpft. Als das alles nichts nützte, fingen sie miteinander zu kämpfen an. Sie hielten ihren Kopf mit den Hörnern nach vorn und rannten zornig gegeneinander los. Mitten auf der Brücke prallten sie heftig zusammen. Durch den Stoß verloren beide das Gleichgewicht. Sie stürzten zusammen von der schmalen Brücke in den tiefen Fluß, und nur mit Mühe konnten sie sich an das Ufer retten.

 

[Ludwig Grimm (1790-1863) ]


Kluge Ziegen

 

„Zwei Ziegen begegneten sich mitten auf einer hohen, schmalen Brücke ohne Geländer. Links und rechts gähnte der tiefe Abgrund, an Rückwärtsgehen war nicht zu denken.

 

Die schlauen Ziegen fanden einen Ausweg: Eine legte sich ebenso ruhig wie vernünftig nieder und ließ die andere über sich hinwegsteigen. So konnten beide ihres Weges ziehen.“

 

[aus Aufzeichnungen von Conrad Gesner (1516-1565)
bedeutender Schweizer Arzt, Altphilologe und Naturforscher]


Die Ziege und der Ziegenhirt

 

Ein Ziegenhirt musterte seine Ziegen, bevor er sie austrieb. Eine derselben hatte es sich nämlich gerade gut schmecken lassen und sehr viel gefressen. Sie ging daher langsamer als die andern und blieb etwas zurück. Das ärgerte den Hirten, und da er nicht lange auf sie warten wollte, hob er einen Stein auf und warf denselben nach ihr. Unglücklicherweise traf er ein Horn der Ziege, so dass es abbrach. Kaum geschehen, bereute er seine Unvorsichtigkeit und bat die Ziege, doch ja nichts ihrem Herrn zu klagen. „Sei doch gescheit“, antwortete die Ziege, „wenn ich auch nichts davon sagen wollte, so würde doch das fehlende Horn dich anklagen.“

 

Und die Moral von der Geschicht:
Wo Resultate von Taten sprechen, lässt sich einmal Geschehenes nicht verbergen.

[Fabel von Aesop]

 

 


Ziege

2009 – [Foto: Sulamith Sallmann]

Schelmentier

„Vor dem Herrgott haben sie (die Ziegen) bei der Verteilung der Weideplätze immer wieder ‚Nu meh, nu meh‘ (noch mehr) geschrien, bis es dem Herrn zuviel wurde und er rief: So geht doch, wohin ihr wollt! So kam es, dass die Ziegen Schelmentiere sind und überall stehlen und naschen.“

 

[Ätiologisches Aperçu von Josef Müller (1870-1927) – Schweizer Spitalpfarrer und Sammler von Volkssagen]

 

 


 

Ziegengedicht

 

Irgendwo im Waldesgrün
sah ich eine Ziege ziehn.
Kletten war’n in ihren Haaren
– sie möcht‘ lieber U-Bahn fahren!

Irgendwo im U-Bahnwagen
hört ich eine Ziege klagen:
“ Ich möchte lieber in den Wald!“
Ach so sind die Ziegen halt.

Ziegen zieht es immerzu,
kommen nirgendwo zur Ruh.
Das nennt man dann den Zug der Zeit
Und Ziegen werden nie gescheit.

 

[Fritz Rumler]

%d Bloggern gefällt das: