Der Murmelmacher

Foto: blaue Glasmurmeln
vier adlige Kinder beim Murmelspiel

Das knirschend-mahlende Geräusch der Märbelmühlen ist für immer verstummt. Bis Anfang unseres Jahrhunderts standen viele von ihnen in den Flußtälern am Südhang des östlichen Thüringer Waldes zwischen Sonnenberg und Eisfeld. Die Mühlen verließen jährlich Millionen kleine Spielkugeln mit einem Durchmesser von fünf bis fünfzehn Millimetern, die hier Märbel, anderswo Murmeln, Klicker oder Schusser genannt werden. Die Märbel Südthüringens waren aus feinkörnigem Kalkstein, den die Märbelpicker aus oft bis zu 20 Meter tiefen Schachten herausbrachten.

Einst war die Technik der Märbelherstellung vermutlich nur im österreichischen Salzburg bekannt. Das kann aus einem Schreiben des Sonneberger Kaufmanns Georg Michael Bischoff geschlossen werden, der, wie viele andere, Steinmärbel aus Salzburg bezog. Er schrieb 1764, daß er für die Märbel “viel Geld jährlich von Sonneburg nach Salzburg schicken” müsse und daß “man dergleichen Fabrique nur eine im Reiche habe, ohnerachtet sich vielen Länder schon darum bemühet haben!”

Die Anstrengungen der Thüringer Märbel selbst zu produzieren, waren erfolgreich: 1769 begann die erste Märbelmühle bei Steinach zu arbeiten. Die Konzession dafür hatte der Amtssekretär Johann Bernhardt Trinks erhalten, der sich durch Eid verpflichten mußte, die Technik der Märbelproduktion sorgfältig zu hüten. In Eisfeld enstand die erste Märbelmühle im Jahre 1804. Sein Gesuch an den Herzog von Hildburghausen, die Konzession für eine Märbelmühle zu erteilen, hatte der Rat der Stadt unter anderem wir folgt begründet: “Wir müssen gestehen, daß solches Unterfangen sehr vorteilhaft werden muß, da dadurch ein großer Teil der Armut bis auf die Schulkinder herab in Arbeit und Verdienst gesetzt wird, zumal dies Steinklopfen weder eine besondere Kunst noch vielen Kraftaufwand erfordert. Dazu finden sich die zu den Märbeln erforderlichen Steine im hiesigen Weichbild in Menge.”

Die mit Wasserkraft angetriebenen Märbelmühlen sahen meist wie kleine Blockhäuser aus. Tag und Nacht liefen die Mahlgänge. Am Geräusch vernahm der Märbelmüller, wenn die Steinwürfel zu Kugeln geschliffen waren. Wollte er einmal eine Nacht durchschlafen, wurde er von seiner Frau abgelöst. In Krisenzeiten übernahm diese nicht selten die Arbeit des Mannes, der sich zumeist außerhalb einen Borterwerb suchte.

Am Anfang unseres Jahrhunderts trieben vereinzelt Motoren die Mahlgänge an; solche Mühlen nannten sich dann “Märbelfabrik”. Nach 1920 stellte eine Märbelmühle nach der anderen ihre Produktion ein. Die Industrie brachte Ton- und Glasmärbel billig auf den Markt. Dieser Konkurrenz konnten die technisch veralteten Mühlen nicht standhalten.

[…]

Die kleinen Kugeln waren ein beliebtes Kinderspielzeug. Abnehmer von Märbel war vor der Erfindung der Dampfmaschine auch die Kriegsmarine. Bei Seeschlachten wurden märbelgefüllte Kartätschen auf die Takelage der feindlichen Schiffe geschossen, um diese zu zerfetzen. Millionen Märbel fanden als Ballast der Segel- und später Dampfschiffe Verwendung. In Frankreich und Nordamerika zieren Märbel, eingefügt in den Putz, manche Hausfasssade.

aus: Bernd Wurlitzer: Historische Werkstätten. 1989. Verlag die Wirtschaft Berlin

Berufsbezeichnungen

Murmelmacher, Merbelmacher, Märbelmüller, Märbelmüllerin, Märbelpicker

verwandte Berufe: Spielzeugmacher


Herstellung der Murmeln

Das Rohmterial, gleichgroße Würfel, bekamen die Märbelmüller von den Pickern, auch Klopfer genannt. Diese hatten sich in unmittelbarer Nähe der Brüche einfache Hütten errichtet, in denen sie den gebrochenen Kalkstein lagerten, spalteten und zu Würfeln klopften. Dazu benutzten sie den Märbelhammer, der an den in der Landwirtschaft gebräuchlichen Dengelhammer erinnert. Mit der stumpfen Finne des Hammers spaltete der Märbelpicker den Stein, mit der scharfen hackte er die Würfel. In der kalten Jahreszeit wurde in den Wohnstuben geklopft. Ein geschickter Märbelpicker schaffte in der Stunde etwa 1000 Würfel. Die Würfel wurden im Mahlgang der Mühle zu Kugeln gerundet. Der Märbelmüller legte die Steine, meist 250 bis 300 Stück, auf eine mit Rillen versehene gußeiserne Mahlplatte. Waren die Würfel gleichmäßig verteilt, ließ er einen Buchenklotz herab, der den gleichen Durchmesser wie die Eisenplatte hatte. Zwischen der sich drehenden Mahlplatte und dem feststehenden Holzklotz schliffen sich die Würfel zu Kugeln. 30 bis 45 Minuten etwa dauerte das. Eine Märbelmühle mit zwei Mahlgängen verließen jährlich zwei bis drei Millionen Märbel.

Die Rohmärbel wurden gewaschen und wanderten nach dem Trocknen in Polierfässer, die allerdings erst nach 1900 aufkamen. Das Polierfaß, in dem sich Farbe befand, rotierte, und durch die Bewegung nahmen die Märbel die Farbe an. Sie wurden glänzend.

aus: Bernd Wurlitzer: Historische Werkstätten. 1989 Verlag Die Wirschaft Berlin
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sw-Reklameblatt für Murmeln
1923, USA


Glosse, Klicker, Klucker, Knicker, Kuller, Märbel, Marmel, Mermel, Murmel, Schnel(l)käulchen, Schosser, Schusser, Stinnerte

In ihren Hochzeiten um 1880 exportierten die Thüringer Märbelmacher ca. 135 Millionen Murmel in die gesamte Welt. Um 1900 reihten sich mehr als 100 Märbelmühlen in Südthüringen entlag der kleinen Flüsschen und Bäche.

Ausflugstipp

Murmelmuseum Sachsenbrunn

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How its Made – Marbles
in englischer Sprache

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